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Mediencoach Attila Albert
27.05.2021   Jobs
Selbstpräsentation als Journalist: Muss ich mich verstellen, um erfolgreich zu sein?
Vielen Journalistinnen und Journalisten fällt es schwer oder ist es sogar unangenehm, sich zu präsentieren. Dabei ist eine gelungene Selbstdarstellung entscheidend für Bewerbungen und Aufträge. Mediencoach Attila Albert über die drei Schritte, die das entspannt, erfolgreich und authentisch machen.
Salzburg – Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Journalist war, schlug mich mein damaliger Arbeitgeber für ein angesehenes Auslandsstipendium vor. Es stellte sich beim Termin heraus, dass viele Bewerber gleichzeitig eingeladen worden waren, die vor einer Auswahlkommission gegeneinander antreten und dabei begutachtet werden sollten. Dieses Verfahren war mir derart zuwider, dass ich während der ganzen Veranstaltung praktisch kein Wort sagte und auch nicht bereute, dass ich kein Stipendium bekam.
 
Damals hätte ich noch nicht in Worte fassen können, was mich gestört hatte. Diese Art der Auswahl kam mir lächerlich und entwürdigend vor: Auf Befehl „Männchen machen“ – und der Lauteste gewinnt. Es entsprach weder dem, der ich bin, noch wie ich angesprochen und gesehen werden möchte. Ein wesentlicher Schaden entstand mir dadurch wahrscheinlich nicht, obwohl einige Stipendiaten später eindrucksvolle Karrieren machten. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen und habe mir später anderweitig Auslandseinsätze organisiert.
 
Heute spreche ich als Coach oft mit Medienprofis über anstehende Bewerbungsgespräche. Aber auch über Kongresse oder Empfänge, die ebenfalls eine Selbstdarstellung erfordern. Selbstständigen geht es darum, ihre Angebote zu präsentieren. Wir bereiten vorab die Grundaussagen vor, üben Dialoge, durchdenken mögliche Konflikte. Manchmal genügen ein, zwei Sätze („Elevator Pitch“). Dann wieder muss es eine volle Präsentation sein, etwa ein eigener Lösungsvorschlag für ein redaktionelles oder unternehmerisches Problem.
 
Wenn Ihnen die Selbstpräsentation bisher unangenehm oder sogar peinlich ist: Drei Schritte helfen Ihnen, dass sie entspannter, erfolgreicher und authentischer gelingt.
 
1. Wissen: Lernen Sie, sich zu präsentieren
Zu einem großen Teil ist Selbstdarstellung reines Handwerk: Gewisse Techniken erlernen und üben, bis sie Routine sind. Dazu muss man sich einmal zeigen lassen, wie PowerPoint, Keynote o.ä. funktionieren und wie die Standards für Präsentationen oder einen Kurzvortrag aussehen. Ihre Selbstvorstellung und Antworten auf erwartbare Fragen können Sie vorab erarbeiten und üben. Das gibt Sicherheit und hilft auch, Anfängerfehler zu überwinden (z.B. bei Sprechen Ihre Folie abzulesen, deshalb mit dem Rücken zum Publikum zu sprechen).
 
Ihre Strategie: Bei der Wissensvermittlung (wie z.B. Präsentationssoftware funktioniert und was einen Vortrag interessant macht) helfen schon Bücher, Lehrvideos und Kurse. Üben sollten Sie mit stufenweise: Erst allein vor dem Spiegel, danach vielleicht vor dem Handy mit Videoaufnahme für die Auswertung. Später vor einem freundlich gestimmten Publikum, z.B. dem Partner, Freunden oder auch einem Coach. Schließlich immer, wenn sich im Hobby, Verein oder beruflichen Team die Gelegenheit bietet. Jede stärkt und ermutigt Sie.
 
Das Ziel: Ausreichend Routine und Selbstsicherheit zu entwickeln, um auch mit unerwarteten Situationen gelassen oder sogar humorvoll umgehen zu können. Etwa mit dem Ausfall des Internets während Ihres Vortrags oder einer absichtlich provokativen Frage an Sie, um Ihre Schlagfertigkeit zu testen. Die Aufregung wird nicht ganz verschwinden, aber sich bald eher wie Vorfreude anfühlen: Sie sind eingeladen, um sich und Ihre Ideen vorzustellen – das, was Ihnen wichtig ist.
 
2. Überzeugung: Tun Sie, woran Sie glauben
Bei manchen Selbstpräsentationen werden Sie (wie in meinem Beispiel) feststellen, dass Sie nicht so engagiert auftreten, wie es die Situation eigentlich erfordern würde. Sie haben sich vielleicht auf eine Stelle beworben, halten sich aber im Bewerbungsgespräch zurück. Nachdem die fast schon erwartete Absage kommt, machen Sie sich Vorwürfe. Als Selbstständiger müssten Sie Ihr Angebot bewerben. Es ist Ihnen aber unangenehm oder sogar peinlich. Also verzichten Sie darauf, obwohl Sie die Einnahmen bräuchten.
 
Ihre Strategie: Machen Sie sich keine Selbstvorwürfe, sondern versuchen Sie, die wahren Motive für Ihre Zurückhaltung einzukreisen. Haben Sie die Befürchtung, dass Sie sich anderen aufdrängen oder „als Hochstapler enttarnt“ werden könnten? Wollen Sie die Stelle gar nicht wirklich? Glauben Sie selbst nicht, dass Ihr Angebot empfehlenswert ist? Je klarer Sie sich über den wahren Grund Ihrer Zurückhaltung werden, desto eher können Sie Ihre Annahmen auf ihre sachliche Richtigkeit hinterfragen und eventuell ändern.
 
Das Ziel: Sie werden kein anderer Mensch werden. Aber Sie können sich einen eigenen Stil und ein Angebot, das zu Ihren Werten passt, erarbeiten. Damit ist Ihre Präsentation auf einmal leicht und authentisch. Als würden Sie anderen begeistert von einem wunderbaren Urlaubsort oder hervorragenden Produkt erzählen. Es hat Sie so überzeugt, dass Sie sicher sind, dass andere auch davon profitieren würden. Sie „drängen sich nicht mehr auf”, sondern helfen durch Ihre Erfahrung und Ihren Rat.
 
3. Umfeld: Finden, was zu Ihnen passt
Es gibt Unternehmen, die Bewerber – teilweise ohne Vorankündigung – vor mehrköpfige Kommissionen setzen, als müssten sie sich für ihre Bewerbung nun vor einem Tribunal rechtfertigen. Andere zwingen sie in „Assessment Center“, in denen sie absichtlich gestresst werden (z.B. durch unlösbare Aufgaben), um ihre Reaktionen zu bewerten. Aber es gibt auch welche, die sich Zeit nehmen, einen Bewerber kennenzulernen. Sie planen mehrere Gespräche mit unterschiedlichen Teammitgliedern. Absagen sind feinfühlig und respektvoll.
 
Ihre Strategie: Bei Ihrer Selbstdarstellung geht es Ihnen verständlicherweise vor allem darum geht, eine neue Stelle oder einen Kunden zu finden. Vergessen Sie dabei aber nicht, auch die andere Seite zu beobachten und einzuschätzen. Sie bewirbt sich gleichzeitig bei Ihnen. Im Bewerbungs- oder Verkaufsgespräch erhalten Sie einen Vorgeschmack darauf, was Sie in einer eventuellen Zusammenarbeit erwarten würde. Wollen Sie das? Stellen Sie also ernstgemeinte Fragen, diskutieren Sie Arbeitsinhalte, Vorstellungen und Kultur.
 
Ihr Ziel: Kompromisse sind meist notwendig. Gleichzeitig sollten Sie immer eine grundsätzliche Übereinstimmung darin anstreben, was Ziele und Werte geht. Das bedeutet, auf ein Umfeld hinzuarbeiten, dass zu Ihnen passt. Kurzfristig mag Sie das einige Optionen kosten (oder Sie legen sie direkt nur als Überbrückungslösung an). Langfristig bewahren Sie sich damit vor Enttäuschungen und echtem Schaden.
 
Zur vergangenen Job-Kolumne: In der Jobkrise: Hilft eine Weiterbildung?
 
Zum Autor: Karriere-Coach Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der „Freien Presse“, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA. www.media-dynamics.org.


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