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News / „Vice“-Chefredakteur Felix Dachsel über den Spagat zwischen Analsex und Aserbaidschan-Affäre
Felix Dachsel
18.11.2021   Vermischtes
„Vice“-Chefredakteur Felix Dachsel über den Spagat zwischen Analsex und Aserbaidschan-Affäre
„Vice“ stand lange für Anarchie und Provokation. Doch wie provoziert man heute intelligent und wann ist man als Journalist zu alt für ein Jugendmagazin? Fünf Fragen an Felix Dachsel, der als Chefredakteur auch für Österreich zuständig ist.
Zürich  – Felix Dachsel verantwortet seit 2019 als DACH-Chefredakteur die deutschsprachigen Ausgaben des Magazins „Vice“. Davor arbeitete er unter anderem als Redakteur bei der „Zeit“. „Österreichs Journalist:in“ traf ihn zum Interview:
 
Wann ist man zu alt, um ein Jugendmagazin zu leiten, Herr Dachsel?
Felix Dachsel: Ich antworte mal so, dass ich in ein paar Jahren keine Probleme bekomme: Ich glaube, die absolute Grenze wäre 40. Aber natürlich möchte ich niemanden verletzen, der älter ist und immer noch in diesem Job arbeitet.
 
Sie selbst sind jetzt 34. Denken Sie manchmal darüber nach, dass der aktuelle Job vielleicht bald nicht mehr der richtige sein könnte?
Ja, aber das hat nicht nur damit zu tun, dass es irgendwann nicht mehr glaubwürdig ist, als etwas älterer Mensch ein Jugendmagazin zu führen. Sondern auch damit, dass es bei „Vice“ traditionell eine große Fluktuation gibt. Das ist kein Job, den man zehn Jahre macht. Aber natürlich stimmt auch: Man entfernt sich mit zunehmendem Alter immer weiter von der Zielgruppe – und das ist nicht nur ein theoretischer Prozess, sondern ganz real spürbar. Wenn ich mit sehr jungen Kollegen spreche oder mir anschaue, was die konsumieren und welche Plattformen sie nutzen, dann hat das fast schon etwas von Feldforschung. Die gehört zwar zu meinen täglichen Aufgaben als Chefredakteur von „Vice“ – aber natürlich darf die Distanz nicht allzu groß werden.
 
Sie selbst nutzen aber vor allem Twitter. Wenn man Ihrem Account dort folgt, würde man Ihren Job wohl kaum erraten: da gibt es vor allem pointierte Takes zu politischen Themen. Spricht da der wahre Felix Dachsel, der eigentlich gerne Leitartikler bei der „Süddeutschen Zeitung“ wäre?
Das hat auch viel mit dem Medium zu tun. Twitter ist für uns als Redaktion relativ unwichtig. Wir wären ja ziemlich schiefgewickelt, wenn wir davon ausgingen, dass wir auf Twitter unsere Zielgruppe erreichen könnten. Was ich da also mache, dieser zugespitzte Diskurs, das ist primär der Nutzungslogik dieser Plattform geschuldet. Während Corona hat meine Aktivitätauch auf jeden Fall noch einmal stark zugenommen – das war wahrscheinlich ein Ersatz für die weggefallenen Kantine- oder Kneipenplaudereien. Für mich ist Twitter tatsächlich wie eine Kneipe, in der alle durcheinanderreden. Allerdings glaube ich, dass die meisten Menschen im wirklichen Leben immer sympathischer sind als auf Twitter.
 

 
Sprechen wir über den Journalismus von „Vice“. Als das Magazin in den 90ern als Printheft in Skateshops auslag, griff es sehr treffend eine bestimmte Mentalität der damaligen jungen Generation auf: Man war stolz darauf, „wasted“ vom Feiern zu sein, trank in der Freistunde Apfelkorn von der Tankstelle und schaute nachmittags „Jackass“ auf MTV. Funktioniert das heute noch?
Das ist tatsächlich die größte Fragestellung für dieses Medium. Wir kommen aus einer Tradition der Anarchie, des Antiautoritären, der Provokation. Und das sind alles Elemente, die in der heutigen Jugend keine große Rolle mehr spielen. Das heißt, wenn man da irgendwie wahnsinnig provokant oder edgy rüberkommt, wirkt man auf die eher wie der unangenehme Onkel. Wenn wir uns Rock ’n’ Roller anschauen, sind das eben alte Männer. Die Herausforderung für „Vice“ ist es, diese neue politische Sensibilität und diese große Ernsthaftigkeit der aktuellen Generation aufzunehmen und unsere eigene Art von Journalismus danach auszurichten.
 

 
Kann man mit Sex und Drogen überhaupt noch provozieren? Was ist überhaupt noch Provokation?
Ich habe darauf bei meiner Arbeit für „Vice“ eine ganz neue Antwort gefunden: Für mich ist die wahre Provokation der investigative Journalismus. Denn was kann provokanter sein, als etwas zu veröffentlichen, was mächtige Menschen gerne vertuschen möchten? Das ist der Journalismus, an den ich glaube und für den „Vice“ mittlerweile viel Geld in die Hand nimmt. Gleichzeitig glaube ich weiterhin sehr an Unterhaltung und Ablenkung. Die große Aufgabe ist also, eine sinnvolle Mischung daraus anzubieten. An manchen Tagen hat das zugegebenermaßen schon eine skurrile Schlagseite. Wenn auf der Webseite ein Text über Analsex neben einem Text zur Aserbaidschan-Affäre steht, müssen wir auch mal lachen. Aber: Man redet auch in der Kneipe erst über das Tinder-Date von gestern Abend und danach über die Bundestagswahl. Deswegen ist dieses Nebeneinander bloß eine Abbildung des wirklichen Lebens.
 
Zum gesamten Interview von Samantha Zaugg und Alexander Graf