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News / Will Stefan Kappacher der Michael Moore Österreichs werden?
Stefan Kappacher (Foto: ORF)
21.12.2021   Vermischtes
Will Stefan Kappacher der Michael Moore Österreichs werden?
Dr. Media beantwortet in der aktuellen Ausgabe von "Österreichs Journalist:in" brennende Fragen der Branche.
Eine These aufstellen und sie mit allen verfügbaren Mitteln untermauern. Mit dieser Strategie ist Michael Moore zu einem der kommerziell erfolgreichsten Dokumentarfilmemacher der Welt geworden. „Bowling for Columbine“, „Fahrenheit 9/11“, „Sicko“, „Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“, „Where to Invade Next“ – all diese vermeintlich gesellschafts- und sozialkritischen Machwerke funktionieren nach demselben Muster, das daraus besteht, Moores weitreichendes berufliches Netzwerk und die enormen finanziellen Ressourcen der beteiligten Produktionsfirmen zu nutzen, um seine Sicht der Dinge in einen abendfüllenden, kurzweiligen und breitenwirksamen Film zu verpacken. In der Branche dafür belächelt zu werden und bei manchen Kollegen sogar verständnisloses Kopfschütteln hervorzurufen, weil er dem auch von ihm selbst propagierten investigativen und ausgewogenen Recherchejournalismus damit einen Bärendienst erweist, scheint er zugunsten der Reichweite gern in Kauf zu nehmen. 
 
An genau diese Herangehensweise erinnert Stefan Kappachers Anfang November veröffentlichter Beitrag „Die Scheinheiligkeit der Guten“ in seiner Ö1-Sendereihe „Doublecheck“. Der wenig subtile Tenor: Chefredakteur und Geschäftsführer eines Mediums gleichzeitig zu sein, ist mit unabhängigem, transparentem Journalismus nicht kompatibel. Darüber hinaus würden alle Medien, auch die sogenannten Qualitätszeitungen, von mehr oder weniger willkürlich vergebenen Inseraten seitens der öffentlichen Hand profitieren, nicht nur Boulevardmedien wie die Tageszeitung „Österreich“, deren Gründer Wolfgang Fellner seit Monaten im Kreuzfeuer der Kritik steht. 
 
Bemerkenswert ist dabei weniger die dem Beitrag zugrundeliegende Prämisse als vielmehr die tendenziöse Methodik, mit einem brachialen Rundumschlag einige Journalisten in Misskredit zu bringen, während andere mit konstruierten Argumenten verschont werden. Ein Musterbeispiel für die undifferenzierte Trennung der österreichischen Medienlandschaft in Gut und Böse, ausgeführt mit jener Scheinheiligkeit, die in der Sendung angeprangert wird. Kappachers „Geschichte“ in dieser „Doublecheck“-Folge ist schnell erzählt. Hubert Patterer („Kleine Zeitung“), Rainer Nowak („Die Presse“) und Gerold Riedmann („Vorarlberger Nachrichten“) hätten ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil sie als Chefredakteure und Geschäftsführer ihrer Medien vorgeben würden, ganz und gar unabhängige Blattmacher zu sein und keine Abhängigkeiten einzugehen. Eine uneingeschränkte Unabhängigkeit sei aber in einem derart korrumpierten System wie jenem in Österreich kaum möglich. Und als wäre das alles nicht schon skandalös genug, seien diese Herrschaften in der Vergangenheit auch noch von diesem Magazin ausgezeichnet worden, zuletzt „kurioserweise“ Rainer Nowak zusammen mit seinem Co-Geschäftsführer Herwig Langanger als „Medienmanager des Jahres“. 
 
Unterstützung für seinen Standpunkt holt sich Kappacher unter anderem von Alexandra Föderl-Schmid, stellvertretende Chefredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ und frühere „Standard“-Chefredakteurin. „Die Chefredaktion soll für die Inhalte zuständig sein, nicht für die Einnahmen, also die Inserate. Da tritt eine Vermischung auf, die ist problematisch“, stellt sie fest. Auch „Falter“-Gründer Armin Thurnher spricht sich gegen diese Doppelfunktion aus, ebenso wie Florian Skrabal, Chefredakteur und Geschäftsführer des Recherchemagazins „Dossier“. Dass Florian Klenk nicht nur Chefredakteur des „Falter“ ist, sondern auch Gesellschafter, wird aber interessanterweise nicht als problematisch dargestellt, schließlich sei er ja nicht Geschäftsführer des Wochenblatts, sondern „nur“ Gesellschafter. Mit seinem Privatvermögen an einem Medium, genauer gesagt an der ST Verlagsbeteiligungsgesellschaft, beteiligt zu sein, ist also weniger heikel, als die Geschicke in der Position des Geschäftsführers zu leiten. Da bleibt nichts anderes zu sagen als: Check. Aber wie sieht es dann mit der Doppelfunktion Florian Skrabals aus? Auch kein Problem, denn: „Der Punkt, warum es bei uns funktioniert, ist, dass wir nicht Werbung verkaufen, sondern unsere journalistischen Fähigkeiten“, sagt Skrabal. „Dossier“ sei werbefrei und finanziere sich nur durch Mitgliedschaften und Kooperationen. Für das kleine Medium sei die Personalunion auch günstiger. Tja, da lässt sich nur noch sagen: Doublecheck.
 
Sogar „Presse“-Kolumnistin Anneliese Rohrer wird von Kappacher augenscheinlich instrumentalisiert, ihre Formulierung der „emotionalen Korruption“ wird de facto als Beweis für die Unvereinbarkeit der Rolle als Chefredakteur und Geschäftsführer angeführt, quasi als Kontrapunkt zu Hubert Patterer, der sagt, dass die innere Distanz entscheidend sei, nicht die äußerliche Nähe. Patterer wird zusätzlich vorgeworfen, in seinem Newsletter über Regierungsinserate und den gesamten Inseratenumsatz unvollständig berichtet zu haben, weil er nicht ausreichend auf die Bundespresseförderung eingegangen sei. Dabei war der Bereich der Presseförderung gar nicht das Kernthema des Newsletters. 
 
Generell unterstellt der Beitrag Österreichs Journalistinnen und Journalisten eine unangemessene Nähe zur Politik, als Indiz dafür wird eine Beobachtung von Wolfgang Ainetter angeführt, früherer Chefredakteur von „News“ und „Heute“ und später Sprecher des deutschen Verkehrsministers. Bei einem Besuch von Ex-Kanzler Sebastian Kurz in Berlin seien hinter ihm mehrere österreichische Journalisten gegangen, „alle fröhlich und per Du, es war wie beim Schulausflug“. Ein deutscher Kollege habe sich über die große Entourage von Kurz gewundert – „und dann ist ihm der Mund offen geblieben, als er erfahren hat, dass das Journalisten sind“.
 
Eine Debatte, die in Deutschland gar nicht erst geführt werde, in der „Süddeutschen“ hätten nicht einmal Chefredakteure die Handynummern von Ministern, sagt Föderl-Schmid dann auch noch vollkommen ironiefrei. Vielleicht sollte sie jemand daran erinnern, dass solche Debatten sehr wohl auch in Deutschland geführt werden und auch ständig geführt werden sollten, um Selbstkritik und Selbstreflexion zuzulassen. Dieser Jemand hätte Kappacher sein können, aber dann müsste er auch erwähnen, dass sein Arbeitgeber einen großen Wettbewerbsvorteil gegenüber allen anderen Medien hat, weil er jede Menge Einnahmen durch Werbung generiert, obwohl er zu einem großen Teil mit Gebühren finanziert wird. Vielleicht ist er einfach schon zu lange beim ORF und hat vergessen, dass manche Medien mit Journalismus auch Geld verdienen und profitabel wirtschaften müssen. 
 
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