Please wait...
News / Presserat rügt heute.at – Artikel weiterhin abrufbar
18.02.2022   Vermischtes
Presserat rügt heute.at – Artikel weiterhin abrufbar
Detaillierte Schilderung sexueller Gewalt verletzte Intimsphäre.
Wien – Der Presserat rügt heute.at für einen Artikel, in dem detailliert geschildert wird, wie einer Frau von drei Männern sexuelle Gewalt angetan wurde. Nach Ansicht des Senats 1 verstößt der Artikel „Party endete für XXX fast tödlich“, erschienen am 31. Mai 2021 auf „heute.at“, gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Zum Urteil schreibt der Presserat: Bei Berichten über konkrete Gewaltverbrechen ist (allerdings) stets auf den Persönlichkeitsschutz der Opfer und ihrer Angehörigen zu achten. Das Leid, das die betroffenen Frauen und ihre Angehörigen erfahren, darf durch die Berichterstattung nicht vergrößert werden, etwa durch die Bekanntgabe zu grausamer oder intimer Details.
 
Zum Vorbringen der Medieninhaberin, dass der Name des Opfers im Artikel nicht genannt werde, weist der Senat darauf hin, dass sich die Identifizierbarkeit eines Opfers auch aus den Begleitumständen ergeben kann; die Nennung des Namens ist dabei nicht unbedingt erforderlich. Im vorliegenden Fall ist die betroffene Frau nach Ansicht des Senats zumindest für einen beschränkten Personenkreis identifizierbar: Dafür spricht, dass u.a. ihr Alter, ihr Beruf und eines ihrer Hobbys angeführt werden.
In den Beiträgen werden zahlreiche grausame Details zu den sexuellen Gewalttaten und auch die damit zusammenhängenden schweren Verletzungen genau beschrieben. Aufgrund der Schwere der angeklagten Delikte hätte die Redaktion in besonderem Ausmaß Rücksicht auf die Persönlichkeitssphäre des Opfers nehmen müssen.
 
Nach Auffassung des Senats ist die Veröffentlichung der vorliegenden Details dazu geeignet, das Leid des Opfers und seiner Angehörigen zu vergrößern. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Details zum Tathergang und zu den schweren Verletzungen in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft ausgeführt wurden. Dieser Umstand befreit die Redaktion nicht von ihrer Verpflichtung zu prüfen, ob die Veröffentlichung der Details die Persönlichkeitssphäre des Opfers verletzen könnte, insbesondere wenn es um schwerwiegende Sexualstraftaten geht. Die Gerichtsöffentlichkeit ist mit der Medienöffentlichkeit nicht gleichzusetzen.
 
Im Sinne der bisherigen Entscheidungspraxis des Presserats verletzen die detaillierten Schilderungen zum Ablauf und der Folgen der sexuellen Gewalttaten auch die Intimsphäre des Opfers. Zudem kann die genaue Beschreibung eines brutalen Missbrauchsfalls in den Medien auch zu einer neuerlichen Belastung der Familienangehörigen des Opfers führen, weshalb auch auf die Persönlichkeitssphäre der Angehörigen nicht ausreichend Rücksicht genommen wurde. Der Senat kann an einem derart detaillierten Bericht über den mehrfachen sexuellen Missbrauch daher auch kein legitimes Informationsinteresse erkennen. Die geschilderten Gewalttaten hätten im Rahmen einer transparenten Prozessberichterstattung auch auf andere Art und Weise vermittelt werden können – nämlich mit mehr Zurückhaltung und Sensibilität. Im Ergebnis wurde das Medium seiner Filterfunktion nicht gerecht.
 
Die Medieninhaberin von „heute.at“ wird aufgefordert, freiwillig über den Ethikverstoß zu berichten. In dem Zusammenhang merkt der Senat kritisch an, dass der Beitrag nach wie vor unverändert abrufbar ist; er empfiehlt eine Anpassung im Sinne der vorliegenden Entscheidung.