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News / Ukraine-Krieg: Welche Bilder dürfen wir, welche müssen wir zeigen?
Alexandra Unger
11.03.2022   Vermischtes
Ukraine-Krieg: Welche Bilder dürfen wir, welche müssen wir zeigen?
Bilder können aufrütteln, verstören, verängstigen. Wie soll man das Leid vor Ort darstellen? Wo verläuft die Grenze zum Zynismus? Alexandra Unger, Leiterin der „Profil“-Bildredaktion, gibt eine Antwort.
Wien/Salzburg –  „Es gibt Bilder, die sind so schlimm, dass man sie nicht publizieren kann. Jedenfalls nicht als Massenmedium“, schreibt Samantha Zaugg im Dossier „Tabu“ von „Österreichs Journalist:in“. Bilder von verstümmelten Leichen. Ein Kopf mit ausgekratzten Augen. Verbrannte Gesichter, die Haut von der Hitze zusammengezogen, die Zähne zur Fratze gebleckt. Leichen auf Müllbergen, angefressen von Ratten. Tote Kinder, die Gliedmaßen verkrümmt, die Gesichtlein zerfetzt.
 
Diese Bilder gibt es. Doch wir sehen sie nicht. Zumindest nicht in den Medien. Die beschriebenen Bilder gibt es in einem Buch des deutschen Fotografen Christoph Bangert. Es heißt „War Porn“. Das Buch sammelt Bilder, die der Fotograf gemacht hat, die aber nie veröffentlicht wurden.
 
Bangert im Vorwort seines Buches: „Sie sollten diese Bilder nicht sehen. Niemand sollte das. Die meisten wurden nie publiziert. Bei vielen erinnere ich mich nicht daran, dass ich sie gemacht habe. Als ob jemand in meinem Kopf eine Löschtaste gedrückt hätte. Du wachst am Morgen auf und erinnerst dich nicht an deinen Alptraum. Aber du weißt, dass er da war. Ich war da. Ich bin derjenige, der all diese Bilder gemacht hat. Ich weiß es.“
 
Gerade im Krieg wird Bildern viel Macht zugeschrieben. Von gewissen Fotografien wird sogar gesagt, dass sie den Verlauf der Geschichte verändert haben. Etwa dass das „Napalm Girl“ von Nick Ut den Vietnamkrieg beendet hat. Dass Bilder so mächtig sind, ist wissenschaftlich umstritten. Dass sie zu Recht einen Ikonenstatus haben, sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen, ist derweil klar. Dieser Verantwortung müssen sich Medien bewusst sein. Wie gehen die Bildredaktionen mit dieser Verantwortung um? Welche Strategien und Argumente wenden sie dabei an? 
 
Alexandra Unger, Leiterin der „Profil“-Bildredaktion:
Im August 2014 publizierten wir auf dem Cover von „Profil“ ein Foto vom Krieg in Gaza. Das Foto zeigte zwei Kinder, die nach einem israelischen Bombenangriff unter Trümmern eines Hauses lebendig begraben waren. Sie strecken ihre Arme aus, ihre Gesichter sind voll Staub. Das Bild illustrierte die Coverstory „Was wir vom Krieg nicht sehen wollen“. Sie handelte genau davon: Wie zeigen wir den Krieg – und vor allem: Was zeigen wir nicht? Ich denke, wir würden das Bild heute genauso verwenden. Ich muss hinzufügen, dass wir dieses Foto auch deshalb ausgewählt haben, weil wir dank der Information von Reuters wussten, dass die beiden Kinder überlebt haben. Aus unserer Sicht war es nötig, das Bild zu publizieren.


Das Anliegen der Covergeschichte war, unseren Lesern klarzumachen, dass Kriege weitaus brutaler sind, als wir dies aufgrund der üblicherweise verwendeten Bilder wahrnehmen. Im Heft publizierten wir einige weitere Fotos der damals aktuellen Konflikte (Gaza, Syrien, Irak, Ukraine), wobei diese Seiten nicht aufgeschnitten waren. Die Leser wurden gewarnt, dass auf diesen Seiten ungewöhnlich brutale Fotos zu sehen sind. Sie konnten selbst entscheiden, ob sie diese sehen wollten.


Die Sensibilität der Konsumenten in Bezug auf Gewalt, Sexualität, menschliche Körper und vieles mehr hat eindeutig zugenommen. Als Journalistinnen nehmen wir diese Entwicklungen wahr, reflektieren sie – und entscheiden in Diskussionen innerhalb der Redaktion, welche Bilder wir für notwendig und richtig erachten.
 
Die ganze Geschichte lesen Sie hier.