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News / Michael Fleischhackers Bericht von der letzten Aufführung
Ein letzter Dienst an seinem Freund Hermann Nitsch (Foto: APA)
10.05.2022   Vermischtes
Michael Fleischhackers Bericht von der letzten Aufführung
Seine Rolle als blutbeflecketer Ministrant beim Begräbnis von Hermann Nitsch hat Freunde und Feinde irritiert. Ein letztes Schauspiel, an dem er nicht fehlen wollte? In seinem wöchentlichen Newsletter klärt Michael Fleischhacker auf.
Gestern war ich in Prinzendorf, um am Begräbnis meines zu Ostern verstorbenen Freundes Hermann Nitsch teilzunehmen. Es war sehr traurig und auch sehr schön. Der Jesuitenpater Friedhelm Mennekes, der versierteste Führer durch die Grenzregionen von Kunst und Katholizismus, den die deutschsprachige Geisteswelt während der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat, zelebrierte das Requiem. Mennekes war für meine Generation von Theologiestudenten, die sich auch für zeitgenössische Kunst interessierten, ein intellektuelles Idol. Ich durfte ihm gemeinsam mit drei Frauen assistieren, die wie ich von Nitschs Witwe Rita darum gebeten worden waren. Für ästhetisch anspruchsvolle Liturgien hatte ich immer eine Schwäche, und dieses Interesse war neben der Leidenschaft für die Philosophien aller Kulturen von Beginn an eines der zentralen Themen der Gespräche, die ich während der vergangenen 20 Jahre mit Nitsch geführt habe, und aus denen eine innige Verbindung entstand, für die Freundschaft kein zu großes Wort ist. Ich habe diesen Mann und seine Kunst bewundert und geliebt, weil er in einer anachronistischen Hartnäckigkeit und mit einem nicht anders als heilig zu nennenden Ernst der Frage nachging, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, wie sich die innersten Gesetzmäßigkeiten der Welt ausbuchstabieren lassen. Noch im alltäglichsten Scherz, und an Humor mangelte es ihm wirklich nicht, ging es ihm immer auch um Alles, um das Sein, seine Gründe und Abgründe, seine ekstatische Leuchtkraft und seine vernichtende Dunkelheit, um die Tatsache seiner sinnlichen Erfassbarkeit und die Möglichkeit seiner gedanklichen Durchdringung. Es war mir eine Selbstverständlichkeit und Ehre, an dieser letzten Aufführung mitzuwirken, und ich hätte es nicht getan, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass ich aufgrund meiner theoretischen und praktischen Ausbildung in liturgischen Angelegenheiten auch die Kompetenz dafür habe. Denn es gab für Nitsch nichts Schlimmeres als ambitionsloses Laientheater, die Theodramatik bildet da keine Ausnahme.
 
Nicht ganz so selbstverständlich erschien mir die Tatsache, dass ich mich am Samstagabend auf den Nachrichtenportalen des Landes mit dem Hinweis abgebildet sah, dass beim Begräbnis in Prinzendorf auch ein „prominenter Ministrant“ im Nitschgewand und mit Weihrauchfass gesichtet worden sei. Sie hatten alle den Bericht der Austria Presse Agentur übernommen, die meine Anwesenheit offensichtlich für weniger selbstverständlich und privat hielt als ich selbst. Fair enough, es war ja keine Geheimveranstaltung. Dass sich in der Folge auf den sozialen Medien die üblichen Unverdächtigen darüber das Maul zerrissen, wunderte mich nicht, ich glaube, ich hätte die Posts auch selber schreiben können: Der bayrische Inder mit der Moralhypertonie, der eine Erklärung für das ungeheuerliche Bild verlangte, die blonde Böhmermannministrantin, deren Text zum Bild nicht nur für mich, aber wahrscheinlich auch für sie nicht zu verstehen war, und dann noch der Standard-Typ, der jedes Mal, wenn er auf der Straße einen Identitären sieht, einen eigenen Newsletter in einfacher Sprache verschickt, in dem er erzählt, dass er auf der Straße einen Identitären gesehen hat. Letzterer schrieb: „Das Foto wird seine restliche Karriere prägen.“ Bloß war „das Foto“ nicht zu sehen, weil der dazugehörige Tweet gelöscht worden war. Alles sehr egal, ich weiß, aber ich habe mich furchtbar darüber geärgert, weil ich es als Beleidigung für den größten österreichischen Künstler des 20. Jahrhunderts empfinde, wenn dem bildungsfernen Digitalmob zu Nitschs Begräbnis nichts weiter einfällt, als über einen erwachsenen Ministranten zu lästern, den man nicht mag.
 
Aber vielleicht war es auch ein folgerichtiger Teil dieses letzten Freundschaftsdienstes, einen kleinen Anteil der Ignoranz abzubekommen, die das Verhältnis eines großen Teils der österreichischen Öffentlichkeit zum Werk des Hermann Nitsch noch immer prägt. Den linken Haltungsakrobaten gilt er als Reaktionär, den konservativen Katholiken als Kirchenschänder, dem analogen Mob als Blutkünstler und Tierquäler. Dass hier einer sein Leben der substanziellen Erforschung des Menschseins gewidmet hat und dabei ein multidisziplinäres Werk von Weltrang geschaffen hat, wird, fürchte ich, für immer unter der Klischeewalze verborgen bleiben, mit der Nitsch seit Jahrzehnten planiert worden ist. Nitsch hat sich und jeden, der ihm folgen wollte, auf eine tour de force mitgenommen, die von der altorientalischen Mythologie über den Dionysoskult zu Nietzsche und von dort in die Entmenschlichungsmaschinerien des 20. Jahrhunderts führt. Nitsch sah alles, und wenn er sagte: Ich war alles. Ich war Napoleon, ich war Christus, ich war Nietzsche, ich war Schopenhauer, und ich werde alles sein, was da noch kommt, dann meinte er es genau so, wie er es sagte, und es ist die Wahrheit. Nitsch stand mit beiden Beinen in den Gräbern der Alten, und sein Kopf sah über den Wolken, was kommen würde: das, was war. Man konnte diesen Mann nur für einen Reaktionär halten, wenn man nicht wusste, was das heißt, und das ist wohl auch der Grund dafür, dass es so viele taten. Ich habe selten einen moderneren Geist als seinen erlebt, er war ein intellektueller Anarchist und ein sinnlicher Romantiker, alles eben. Und er war ein Mensch, aber sowas von. Jetzt liegt er in der Gruft vor seinem Schloss, er hat einen Doppler dabei und die ganze Welt.
 
Eine liturgische Woche wünscht Ihnen Michael Fleischhacker
 
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