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Moritz Moser (Foto: Hartinger)
28.12.2022   Leute
Moritz Moser: „Herausfinden, wer noch Printmedien liest“
Wie der Chefredakteur der NEUE Vorarlberger Tageszeitung Gegenwart und Zukunft der Branche einschätzt.
Salzburg/Wien - „Österreichs Journalist:in“ (damals: „Der Österreichische Journalist“) wurde 1987 ins Leben gerufen. Theresa Steininger hat junge Journalistinnen und Journalisten, die im gleichen Jahr geboren sind, um ihre Einschätzung der aktuellen Situation gebeten - und um Informationen zu ihrem Werdegang. Dieses Mal: Moritz Moser, „NEUE“.
 
„Ich wollte nicht Journalist werden. Das Gewerbe erschien mir zu prekär, anders als der Staatsdienst, auf den ich es abgesehen hatte. Im Verkehrsministerium landete ich aber in der Scheinselbständigkeit. Außerdem entpuppte sich die Tätigkeit im Verwaltungsapparat als ebenso deprimierend wie aussichtslos, weshalb ich mich der Verwaltung durch Kündigung entzog. Geschrieben hatte ich bis dahin eher hobbymäßig für das Online-Magazin Paroli. Eines Tages saß ich dann Michael Fleischhackers verspiegelter Sonnenbrille gegenüber. Der Mann dahinter wollte eine Datenbank der wichtigsten Entscheidungsträger anlegen lassen und ich sollte das für die neue Plattform NZZ.at übernehmen. Barbara Kaufmann trieb mir das Beamtenösterreichisch aus und verbot Worte wie „Kollektorgang“. So bin ich dann doch Journalist geworden. Ungefähr ebenso zufällig wurde ich nach meiner Rückkehr nach Vorarlberg Chefredakteur der „NEUE“. Es ist ein bisschen wie im Theaterstück „Das hat man nun davon“: Man hat eigentlich nichts vor und wird plötzlich befördert. Zumindest hat es meine Frau beruhigt, die nach unserer Verlobung einmal gefragt hatte, was ich karrieretechnisch noch erreichen wolle und mit meiner Antwort nicht sonderlich glücklich gewesen war. Nun will man es natürlich gut machen und bemüht sich nach Kräften in einer gebeutelten Branche mit einer kleinen Tageszeitung Auftrieb zu finden.  
Werden wir das langfristig überleben? Die Frage ist nicht, ob es in 35 Jahren noch Tageszeitungen geben wird, sondern wie viele. Irgendwann wird man aber auch ohne Medienförderung herausfinden müssen, wer noch Printmedien liest. Im Tageszeitungsgeschäft werden die Leserbriefe mir krakligen Handschriften und die Kündigungen mit angeschlossenen Totenscheinen mehr. Wie lange wird man noch behaupten können, dass jede ausgelieferte Ausgabe von mindestens einem Abonnenten, seinem Hund, der Nachbarin und deren drei Kindern gelesen wird? Wenn kein Absatzmarkt mehr da ist, wird man einen schaffen müssen, oder die Zeitungen haben ein existenzielles Rechtfertigungsproblem. Aber das sind die Sorgen von morgen. Der Onlinebereich gibt bis dahin auch den Printlern Auskunft über das geneigte Leseverhalten und Ansporn für Neues. Es darf nur nicht damit enden, dass man den Leserwillen bei Themen, die nichts mit Busen, Blut oder Boden zu tun haben, verzweifelt suchen muss. Das ist herausfordernd, aber um Welten spannender, als im Ministerium zu arbeiten.“
 
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