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Sebastian Krause
24.11.2022   Vermischtes
Sebastian Krause: „Daten sollen niemals ein Kontrollwerkzeug sein“
Die „Kleine Zeitung“ baut gerade ein neues Tool zur Datensteuerung. Sebastian Krause erklärt, was sich für Redakteure ändert und wie er sie dazu bringen will, gerne mit Daten zu arbeiten.
Graz – Die „Kleine Zeitung“ baut gerade in Zusammenarbeit mit der APA ein neues Tool zur Datensteuerung. Daten sollen das journalistische Bauchgefühl ergänzen, um Reichweiten und Conversion-Ziele besser zu erreichen. Mitglieder der Chefredaktion Sebastian Krause erklärt im Interview mit Nicole Friesenbichler in der aktuellen „Journalist:in“, was sich für Redakteure ändert und wie er sie dazu bringen will, gerne mit Daten zu arbeiten.
 
Was ist die Idee hinter dem neuen Datenprojekt der „Kleinen Zeitung“?
Sebastian Krause: Wir wollen besser verstehen, wie Themen bei uns funktionieren. Nicht nur einzelne Storys. Wir glauben, dass es eine Lücke gibt zwischen der einzelnen Story und dem Ressort. Dass wir den Ressorts und den einzelnen Redakteuren etwas geben müssen – ein fehlendes Werkzeug quasi, um zu verstehen, wo ihre Themen liegen. Über den European Publishing Congress und einen Onlineartikel sind wir auf das niederländische Mediahuis gestoßen und haben festgestellt, dass die ein unglaublich cleveres System haben, das wir uns ein bisschen abschauen und für uns adaptieren. Sie haben eine technische Lösung, mit sogenannten IPTC-Tags, jeder Story ein Thema zuzuordnen.
 
Wie soll das genau funktionieren?
Die APA bekommt eine Schnittstelle an unser neues Content-Management-System Cue, das im Laufe des nächsten Jahres eingeführt wird. Damit der Algorithmus schon ganz früh erkennt: Worum geht es bei dem Thema? Wir können in weiterer Folge zum ersten Mal nicht nur über einzelne Storys und Ressorts auf unseren Content schauen, sondern über Themen. Wir sehen dann nicht mehr nur, dass die Kultur 13 Prozent mehr Zugriffe hat als im Vormonat. Was daran liegen kann, dass gerade ein Festival in Graz war oder die Rolling Stones in Wien. Wir können uns das genauer anschauen und zum Beispiel sagen: Es liegt daran, dass wir im Bereich Streaming plötzlich super Zugriffe haben. Und dass alle Storys zum Thema „Stranger Things“ gerade extrem gut performen. Das erlaubt uns, uns ein bisschen loszureißen von den Ressorts. Weil wir der Meinung sind, dass Ressorts digital mittlerweile nahezu irrelevant sind. Stattdessen können wir uns mehr auf Themen konzentrieren. Wir sehen dann: Wo sind unsere 15 starken Themen, wo sich etwas tut in puncto Reichweite oder Conversions? Wie können wir da mehr rausholen? Wie können wir inhaltlich aufgrund von Daten den gesamten Newsroom besser steuern? Und quasi das journalistische Tagesgeschäft, die Intuition und das Bauchgefühl mit guten Daten gegenchecken.
 
Inwiefern bergen persönliche Reportings die Gefahr, dass der Druck auf die Redakteure steigt?
Daten sollen niemals ein Kontrollwerkzeug sein. Sondern ein Tool, mit dem jeder Einzelne besser versteht, wie seine Inhalte performen, damit er daraus lernen kann. Es ist noch nicht entschieden, dass wir das machen. Fix ist nur eines: Auf keinen Fall wird irgendwer mit irgendwem verglichen. Natürlich muss man eine hohe Akzeptanz bei den Redakteuren schaffen und sie langsam heranführen. Vielleicht stellen wir die persönlichen Reports am Anfang auf freiwilliger Basis zur Verfügung, so wie es das Mediahuis macht. Die Reportings sind dazu da, damit die Redakteure selbst besser verstehen, wie sich ihr publizistischer Output verhält. Das wäre auch nicht zugänglich für irgendjemand anderen, weil es nichts bringen würde. Man kann nicht Story A mit Story B vergleichen, weil sie zum Beispiel einen unterschiedlichen Ausspielungszeitpunkt hat oder der Schneeballeffekt auf Social Media ein anderer ist. Es gibt tausend Gründe, warum eine Story gut funktioniert oder nicht. Bisher hatten wir mehrere Onlinesitzungen mit den Niederländern, aber ich würde sie heuer noch gerne persönlich treffen, um mir das System vor Ort aus der Nähe anzuschauen. Einfach um zu verstehen, wie sie es in die Organisation integriert haben. Und wie sie es geschafft haben, Stück für Stück, Journalisten dazu zu bringen, gerne mit den Daten zu arbeiten.
 
Das ganze Interview finden Sie hier.