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News / Recherche auf Telegram: Chancen, Risiken und acht Hacks für Journalistinnen und Journalisten
Veronika Völlinger (Foto: Hannah Quentin)
19.01.2026   Vermischtes
Recherche auf Telegram: Chancen, Risiken und acht Hacks für Journalistinnen und Journalisten
Telegram ist für Journalistinnen und Journalisten eine wichtige Recherchequelle – mit wertvollen Inhalten, aber auch erheblichen Risiken. Wie sich die Plattform professionell nutzen lässt, zeigt dpa-Faktencheckerin Veronika Völlinger mit acht Recherche-Hacks.
Berlin – Telegram ist für Journalistinnen und Journalisten längst eine wichtige Recherchequelle – vergleichbar mit Plattformen wie X, YouTube oder Instagram. Die App liefert Augenzeugenmaterial aus Krisengebieten, Einblicke in extremistische Netzwerke und Belege für kriminelle Strukturen, wie sie etwa in Recherchen zu Vergewaltiger-Netzwerken sichtbar wurden. Zugleich ermöglicht Telegram in autoritär regierten Ländern die Verbreitung von Informationen jenseits staatlicher Kontrolle. Welche Chancen und Risiken die Plattform für journalistische Recherchen bietet, zeigt Veronika Völlinger in der aktuellen „Journalist:in“-Ausgabe und gibt acht Hacks für die Recherche bei Telegram.
 
1. Grundorientierung 
Ist Telegram ein Messenger für private Kommunikation – oder eine Social-Media- Plattform mit Reichweite? Beides. Es gibt private Chats wie bei klassischen Messengern. Dazu kommen offen zugängliche oder private Gruppenchats, die bis zu 200.000 Mitglieder fassen können. Und es gibt Kanäle, in denen ein oder mehrere Betreiber Nachrichten an ihre Abonnenten senden. Sie sind ebenfalls öffentlich oder privat; teils ist eine Kommentarfunktion freigeschaltet. Für die Recherche wichtig: In Gruppen lässt sich beobachten, wie sich Diskussionen entwickeln, und Beiträge einzelner User können wertvolle Details liefern. In Kanälen lässt sich nachvollziehen, wie Themen gesetzt werden.
 
2. Keine Panik – aber Vorsicht!
Telegram wirbt mit Privatsphäre und Zensurfreiheit, die Moderation missbräuchlicher Inhalte ist jedoch minimal. Unter Sicherheitsexperten genießt der Messenger keinen guten Ruf: Anders als bei WhatsApp gibt es keine standardmäßige Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Chats liegen verschlüsselt auf Servern; eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist nur in „Geheimen Chats“ verfügbar, die aktiv eingeschaltet werden müssen – eine Hürde, die viele Nutzerinnen und Nutzer nicht nehmen.
 
Wer als Journalistin oder Journalist auf Telegram recherchiert oder Quellen kontaktiert, kann grundsätzlich die berufliche Telefonnummer nutzen – sofern man sich ausschließlich in offenen Kanälen bewegt, die nicht extremistischen oder gewaltbezogenen Milieus zuzuordnen sind. Wichtig ist, in den Privatsphäre-Einstellungen die Sichtbarkeit der eigenen Telefonnummer zu deaktivieren, es sei denn, man möchte bewusst erreichbar sein.
 
Wer mit Recherche-Account und Pseudonym arbeitet, sollte dieselben Privatsphäre-Optionen prüfen. Empfehlenswert ist eine Telefonnummer, die sonst nirgends hinterlegt ist. Andernfalls erhalten Kontakte, die diese Nummer gespeichert haben, eine Benachrichtigung über die Neuregistrierung – inklusive Profilbild und Nutzername des Accounts. Ideal ist eine Wegwerf-SIM aus einem Land ohne Ausweisregistrierung.
 
Ein VPN kann helfen, die IP-Adresse zu verschleiern. Telegram ordnet Nutzerinnen und Nutzer jedoch über die Telefonnummer einem Land zu, was beeinflussen kann, welche gesperrten Kanäle sichtbar sind. Je nach Recherchethema lohnt sich eine zusätzliche Sicherheitsstufe, etwa Telegram ausschließlich auf einem Gerät zu nutzen, das für keine anderen Zwecke eingesetzt wird.
 
Grundsätzlich gilt auch hier, was für jede Online-Recherche gilt: Links prüfen, bevor man sie anklickt. Keine persönlichen Daten preisgeben. Bewusst entscheiden, mit wem man interagiert.
 
3. Inhalte finden
Wer beginnt, sich eine Sammlung von Telegram-Kanälen und -Gruppen aufzubauen, sollte dies nicht ausschließlich innerhalb der App tun. Zwar ermöglicht die globale Suche das Auffinden von Kanälen und Gruppen per Stichwort, verlässlicher sind jedoch externe Spuren: Links zu Telegram tauchen häufig auf Plattformen wie X, Facebook, YouTube oder Reddit auf.
 
Mit Google und passenden Suchoperatoren lassen sich gezielt Telegram-Kanäle finden. Öffentliche Kanäle sind etwa über folgende Suchanfrage auffindbar: site:t.me/„Stichwort“


Für Links zu privaten Gruppen oder Kanälen eignet sich diese Struktur: site:t.me/joinchat/„Stichwort“
Wem Suchoperatoren zu aufwendig sind, kann Telegago nutzen – eine speziell auf Telegram ausgerichtete Suche, die auf dem Google-Algorithmus basiert.
 
In Breaking-News-Lagen verbreiten sich Videos von Telegram häufig zunächst auf anderen Plattformen. Dabei ist Vorsicht geboten: Bei Recherchen zu Konflikten, Terror oder Kriminalität stößt man nicht selten auf drastisches Material. Um die ursprüngliche Quelle zu finden, können Suchen auf X, Reddit oder Facebook etwa so aussehen: „t.me“ + Ort/Name/Ereignis


Einige Websites bieten Kataloge mit großen Telegram-Kanälen nach Ländern sortiert an. Telemetr.io listet beispielsweise die größten Kanäle pro Land. Für erweiterte Analysefunktionen ist dort eine Anmeldung möglich, idealerweise mit einer Wegwerf-Googlemail-Adresse. Auch TGStat.com bietet ähnliche Länderkataloge. Von einer Anmeldung ist hier jedoch abzuraten: Der Login erfolgt über die eigenen Telegram-Daten, der Betreiber sitzt in Russland, und es bleibt unklar, wie die Daten verwendet werden. TGStat ist dennoch für einen anderen Recherche-Hack nützlich.
 
Um die eigene Sammlung übersichtlich zu halten, lassen sich Chats in den Telegram-Apps in thematische Ordner sortieren. Hat man erste relevante Kanäle gesammelt, lohnt sich der Blick in die Tiefe: Auf Telegram wird viel weitergeleitet, daher sollte stets der Ursprungs­kanal einer Weiterleitung geprüft werden. Zudem zeigt die Info-Übersicht eines Kanals (über Antippen des Kanalnamens) den Punkt „Ähnliche Kanäle“ – oft eine ergiebige Quelle für thematisch verwandte Communitys.
 
Eigene Kanäle und Gruppen lassen sich über die globale Suche nach Stichworten durchsuchen; innerhalb eines Kanals erfolgt die Suche über das Lupensymbol. Über das Kalendersymbol kann zudem gezielt zu einem bestimmten Datum gesprungen werden. Gerade bei Recherchen zu Konflikten, Desinformation oder Wahlkämpfen lassen sich so zeitliche Dynamiken gut nachvollziehen.
 
Sucht man einen konkreten Telegram-Beitrag, von dem möglicherweise nur ein Screenshot existiert, kann eine markante Textphrase in Anführungszeichen über Google zum Originalpost oder zu Weiterleitungen führen, etwa: site:t.me/„niemand hat die Absicht“
 
4. Personen finden
5. Inhalte verifizieren
6. Metadaten-Schätze heben
7. Spuren sichern
8. Telegram-Turbo starten
Zu den Hacks im Detail
 
Die Autorin Veronika Völlinger ist freie Journalistin sowie Faktencheck-Redakteurin für die dpa. Sie beschäftigt sich mit Desinformation, Digital-Recherche, Kriminalität, Justiz und Missständen. Seit mehreren Jahren gibt sie Workshops über Recherche auf Telegram und war zum Thema u. a. Speakerin bei der Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche.