Christian Rainer: „Wenn die unabhängigen Medien verschwinden, geht die Welt unter“
Trotzdem reagiere die Politik „in einem Nirwana aus Nichtverstehen und Nichtwollen“, sagt der Medienmanager, -berater und nunmehrige Aufsichtsrat der „Wiener Zeitung“.
Salzburg – Personalabbau, wegbrechende Erlöse und ein beschleunigter Strukturwandel setzen Österreichs Printmedien unter Druck. Im
„Journalist:in“-Interview mit Köksal Baltaci schildert Christian Rainer, wie ernst die Lage aus seiner Sicht ist, warum Politik und Öffentlichkeit die Krise unterschätzen und welche Rolle Qualitätsjournalismus in Zukunft noch spielen kann.
Das vergangene Jahr war für Printmedien in Österreich aus kaufmännischer Sicht einmal mehr schwierig. Viele Redaktionen haben Personal abgebaut. Was denken Sie, ist sich die Bevölkerung des dramatischen Zustands bewusst, in dem sich vor allem Qualitätsmedien befinden?
Christian Rainer: Die Öffentlichkeit hat die existenzielle Krise der Medien noch nicht realisiert. Die Politik agiert in einem Nirwana aus Nichtverstehen und Nichtwollen. In beiden Gruppen gibt es reichlich Menschen, die ein Wegsterben des Qualitätsjournalismus nicht bedauern würden. Bei der Bevölkerung ist das ein fahrlässiges Denken, das die Konsequenzen für das Gemeinwohl übersieht. Bei vielen Politikern – FPÖ, Sebastian Kurz – orte ich hingegen Abneigung und Revanchismus. Umso mehr müssen wir die Menschen einerseits von unseren lauteren Absichten überzeugen, den Unterschied zwischen Fehlern und Fake erklären, zwischen Haltung und Kampagne. Andererseits haben wir die intellektuellen und praktischen Bedürfnisse unserer Community zu befriedigen, müssen mit Empathie auf subjektive Wahrheiten eingehen, um objektiv kommunizieren zu können. Ich hege insofern Hoffnung, als Qualitätsmedien längst nicht mehr von der Kanzel dozieren. Wir sind vielfach nachdenklich, empfänglich und lernfähig geworden. Demütig vor der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Situation.
Welche Herausforderungen würden Sie etwa für „Kurier“, „Presse“, „Standard“, „Kleine Zeitung“ und „Profil“ künftig als die größten bezeichnen? Und was ist eine mögliche Perspektive für diese Medien, damit es sie auch noch in den kommenden Jahren in einem ähnlichen Umfang und mit einem ähnlichen Qualitätsanspruch gibt wie heute?
Es ist illusorisch zu glauben, dass all die Titel und Marken nebeneinander mit eigenen Redaktionen bestehen werden. Die Werbung wandert unwiederbringlich in den Social-Media-Raum ab. Die Leser und User samt den Vertriebserlösen bröckeln schneller weg, als die Alterung der Bevölkerung fortschreitet. Umso mehr zählt die Differenzierung – oft USP genannt –, die klare Erkenntnis, was die Bedürfnisse von Lesern, Usern, Community sind. Wir müssen die digitale Monetarisierung dieser Inhalte und Gefühlswelten ehestmöglich schaffen. Angesichts eines öffentlich-rechtlichen Giganten mit seiner blauen Seite, dessen – ausgezeichneter – Journalismus zu 70 Prozent subventioniert ist, mutet das als ein fast unmögliches Projekt an. Manche unter uns werden es schaffen. Die KI wird helfen, aber einen guten Teil der Jobs aufsaugen.
Bekanntlich kämpfen praktisch alle Printmedien mit der sinkenden Zahl an Anzeigen sowie Printabonnenten. Ist es ein realistisches Szenario, den Umfang von Zeitungen zu reduzieren oder sie an einzelnen Tagen nicht mehr erscheinen zu lassen, um Kosten einzusparen?
Das ist nicht nur ein realistisches Szenario. Vielmehr hat Papier mittelfristig oder sogar kurzfristig keine Überlebensberechtigung. Daher stellt sich die Frage nach Umfang und Erscheinungsrhythmus nur als Intermezzophänomen. Die Liebe zu Geruch und Haptik der gedruckten Zeitung oszilliert angesichts der lebensbedrohenden Lage längst zwischen Kitsch und Traumfantasien.
Und überhaupt?
Qualitätsjournalismus ist für die meisten von uns mehr Berufung als Beruf. Für das Gemeinwohl ist Journalismus unabdingbar, ein zentraler Bestandteil von Aufklärung, Humanismus, Demokratie. Wenn die unabhängigen Medien verschwinden, geht die Welt unter, so wie wir sie in Österreich, in Europa, im Westen kennen.
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