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News / Kathrin Gulnerits und Gabriel Egger: Zwei Perspektiven auf Journalismus unter Druck
Georg Taitl (Foto: Ludwig Schedl)
03.03.2026   Vermischtes
Kathrin Gulnerits und Gabriel Egger: Zwei Perspektiven auf Journalismus unter Druck
Gulnerits („News“) und Lokaljournalist Egger (OÖN) über Verantwortung, Genauigkeit und den Umgang mit Druck. Zwei unterschiedliche Arbeitsrealitäten – und gemeinsame, sehr offene Antworten auf die Herausforderungen des Medienwandels im Interview mit Georg Taitl.
Salzburg – Für dieses Heft habe ich zwei Gespräche geführt, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, schreibt Herausgeber Georg Taitl in seinem Editorial in der aktuellen „Journalist:in“. Und weiter: Da war zum einen der Austausch mit Kathrin Gulnerits. Sie führt das Wochenmagazin „News“. Mit einem extrem kleinen Team. Und mit großer Konsequenz. Immer wieder erscheinen dort Recherchen, die politisch relevant sind und Debatten auslösen. Geschichten, die sauber gearbeitet sind. Die bewegen. „Angst ist ehrlich gesagt kein Treiber von mir“, sagt sie. „Wenn etwas auf dem Tisch liegt, dann macht man es halt.“ Das ist kein Pathos. Das ist eine Arbeitsbeschreibung.
 
Im Gespräch erzählt sie von ihrer Kindheit in der DDR. Vom Trainingszentrum Wassersport. „Ich war acht Jahre alt und ungefähr zwei Jahre dort.“ Fünfmal die Woche Training mit dem klaren Ziel, Medaillen bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften zu holen. Eltern durften nicht dabei sein. „An meinem ersten Trainingstag musste ich ins Sportbecken springen – ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht schwimmen.“ Eine Stange zum Festhalten. Mehr nicht.
 
„Alte Schulbücher, neue Schulbücher, altes Geld, neues Geld – und das manchmal binnen 24 Stunden.“ Permanente Umstellung. Permanente Anpassung. „Wenn man als Achtjährige auf dem Fünfmeterbrett steht, muss man eine sehr toughe Entscheidung treffen: Springe ich selbst oder lasse ich mich stoßen? Ich habe gelernt, selbst zu springen.“
 
Mit ihrer heutigen Rolle habe das allerdings „nur bedingt“ zu tun, sagt sie. Keine psychologischen Kurzschlüsse, aber vielleicht erklärt es, warum sie sich von Druck nicht beeindrucken lässt. „Da muss schon ein bisschen mehr passieren, um mich zu erschüttern.“
 
250 Kilometer weiter westlich arbeitet Gabriel Egger. Lokaljournalist im Salzkammergut. 36 Jahre alt. Und sehr klar in seiner Entscheidung. „Ich habe den Lokal- und Regionaljournalismus nie als Sprungbrett gesehen. Er war von Beginn an mein journalistischer Ort.“ Er beschreibt einen Journalismus, der nah dran ist. Und deshalb besonders genau sein muss. „Kein Fehler wird je übersehen. Und keine Rückmeldung kommt direkter und trifft dich mehr als von jenen Menschen, die du am nächsten Tag wieder beim Bäcker siehst.“ Nähe verpflichtet. Sie schützt nicht. Sie verlangt Sorgfalt.
Auf die Frage nach der Zukunft des Journalismus antwortet er: „Positiv. Wenn wir es schaffen, uns von alten Strukturen zu trennen.“ Und zur Rolle des Lokalen sagt er: „Die größte.“ Weil die Menschen vor allem interessiert, „was sich in unmittelbarer Umgebung abspielt“.
 
Beide Interviews erzählen, auf sehr unterschiedliche Weise, von Verantwortung. Von Genauigkeit. Von Widerstandskraft. Nicht von Gesinnung. Nicht von moralischer Selbstvergewisserung. Hier das investigative Wochenmagazin mit knappen Ressourcen. Dort die Recherche im direkten Kontakt mit allen Beteiligten. Beide arbeiten unter Druck. Beide wissen, dass Fehler Folgen haben. Beide entscheiden sich, selbst zu springen.
 
Journalismus entsteht nicht durch Lautstärke. Sondern durch Haltung. Durch das Beharren darauf, die Dinge zu beschreiben, wie sie sind – nicht, wie man sie gern hätte.
 
KI beim European Publishing Congress
In spätestens fünf Jahren, vermutlich schon deutlich früher, wird unsere journalistische Arbeitswelt nicht mehr dieselbe sein. Nach dem Internet zur Jahrtausendwende beschäftigt uns jetzt in voller Wucht KI. Mit Folgen für den Journalismus, vor allem aber für das Geschäftsmodell Medien, wie wir sie heute noch nicht absehen können. Wie gerne wüsste ich heute schon, was von unseren Ansätzen noch übrig bleibt.
Beim European Publishing Congress 2026 am 17. und 18. Juni in Wien beschäftigen wir uns ausführlich damit, wie wir KI einsetzen können, um unsere Arbeitsprozesse noch effizienter zu gestalten, auch wie wir bestehende journalistische Produkte damit „veredeln“ können. Über all dem wird jedoch die entscheidende Frage stehen, wie wir unser Geschäftsmodell in die Zukunft führen. Vielleicht sehen wir uns in Wien. Ich werde da sein.
 
Zu den Interviews
 
Must-Reads in der aktuellen „Journalist:in“
– „,News‘ gibt es noch“. Chefredakteurin Kathrin Gulnerits über Arbeiten am Limit,  Distanz zur Politik und warum sie trotz Gegenwind nicht ans Aufgeben denkt.
– Zehn Gebote für die neue ORF-Generaldirektion – und wer künftig an der Spitze stehen könnte
– Ranking: Österreichs beste Newsletter
– Local Hero: Wie OÖN-Redakteur Gabriel Egger tickt
– Journalismus und PR. 10 Dinge, die gegenseitig nerven