Der Journalismus im ORF funktioniert (noch). Die Krise sitzt in den Führungsetagen. Wer kann das Haus neu ausrichten? Das fragt Georg Taitl in seinem Editorial in der aktuellen „Journalist:in“.
Wein – In seinem Editorial analysiert
„Journalist:in“-Herausgeber Georg Taitl die strukturellen Probleme des ORF jenseits von Personaldebatten und Machtspielen. Er fragt, warum die Diskussion selten den Kern trifft: die Qualität, Ausgewogenheit und Zukunft des öffentlich-rechtlichen Journalismus:
In diesen Wochen kommen wir Journalisten nicht am ORF vorbei. Nicht in Redaktionen, nicht in Hintergrundgesprächen und schon gar nicht in der eigenen Selbstverortung. Denn die Krise dieses Hauses ist längst mehr als eine interne Angelegenheit. Sie ist ein Spiegel für die Branche. Was dabei auffällt: Wir reden fast ausschließlich über Personen. Über Rücktritte. Über Kandidaten. Über Machtspiele. Und viel zu selten über das, worum es eigentlich gehen sollte – Inhalte.
Dabei lohnt es sich, zuerst einen Schritt zurückzutreten. Die 1.380 Journalistinnen und Journalisten im ORF sind nicht das Problem. Im Gegenteil. Die überwältigende Mehrheit macht genau das, was ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk leisten soll: sorgfältigen, oft aufwendigen Journalismus. Dass sie nun kollektiv in den Sog einer Dauerkrise geraten sind, ist weder fair noch gerecht – zumal die Berichterstattung über die Krise im Haus selbst professionell und bemerkenswert sachlich erfolgt.
Die Probleme liegen bei den Entscheidungsträgern. Und auffallend oft bei einem sehr klassischen Machtmuster: Männer, Netzwerke, Abhängigkeiten. Dazu kommen Gerüchte über Drogenmissbrauch im Haus. Und trotzdem bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Warum reden wir so wenig über den Kern? Ist die Berichterstattung des ORF ausgewogen oder hat sie tatsächlich jene Schlagseite, die ihr immer wieder vorgeworfen wird? Erfüllt der Sender seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag noch in einer Form, die gesellschaftlich akzeptiert ist? Und wie belastbar ist das Konzept des Public Value, auf dem so vieles argumentativ aufbaut?
Michael Jungwirth formuliert es in seinem Essay in diesem Heft so: „Wie ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk organisiert wird, der im Dienste der Öffentlichkeit steht, bei den gewählten Volksvertretern angedockt ist, allerdings nicht im Würgegriff der Parteipolitik steckt, ist ohnehin die Schlüsselfrage.“
Das ist der eigentliche Befund. Nicht ein Skandal, nicht eine Personalie, sondern ein strukturelles Problem. Ein System, das politisch gebaut ist und sich gleichzeitig von Politik emanzipieren soll. Einen starken ORF braucht dieses Land dennoch. Vielleicht mehr denn je. Gerade weil sich Mediennutzung verändert, weil junge Zielgruppen längst andere Wege gehen und weil Vertrauen kein Selbstläufer mehr ist. Stärke entsteht durch Reform.
Die zentrale Frage bleibt daher: Wie lässt sich politische Einflussnahme zurückdrängen, ohne die demokratische Verankerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu verlieren?
Vor diesem Hintergrund ist auch die Debatte um die künftige ORF-Generaldirektion zu sehen. Trotz ihrer enormen Erfahrung ist Ingrid Thurnher keine Selbstläuferin. Ihre Chancen hängen weniger von Kompetenz als von der Frage ab, ob sich in einem parteipolitisch geprägten Verfahren Integrität tatsächlich durchsetzen kann. Wir haben Clemens Pig auf das Cover gehoben. Das ist weniger ein Wagnis als eine Zustandsbeschreibung. Viele führende Medienmanager halten ihn für den ernsthaftesten Kandidaten als Generaldirektor. Für jemanden, der für Transformation steht.
Peter Plaikner beschreibt das in der Titelgeschichte so: „An Selbstbewusstsein sollte es dem Vorstand der Austria Presse Agentur nicht mangeln. Er führt die APA von einem Rekordergebnis zum nächsten.“ Pig habe die Agentur „vom Inhaltsanbieter und technologischen Dienstleister zum digitalen und KI-Vorreiter weiterentwickelt“. Das klingt nach genau dem Profil, das dem ORF oft fehlt. Gleichzeitig bleibt offen, ob Managementkompetenz und strategischer Weitblick ausreichen, wenn operative Fernseherfahrung fehlt. Sicher ist: Die Entscheidung ist eine Richtungsfrage.
Und schließlich betrifft die Krise auch die journalistische Praxis selbst. Die Veröffentlichung der Weißmann-Chats hat eine Debatte ausgelöst, die über den Einzelfall hinausgeht. Was ist öffentliches Interesse – und wo beginnt die Verletzung der Privatsphäre? Oliver Pink bringt in der „Presse“ das Unbehagen vieler auf den Punkt: „Man weiß nicht, ob das den Kollegen des ‚Falter‘ überhaupt bewusst ist: Sie haben einen Beitrag geleistet zur Zerstörung der bürgerlichen Existenz eines Menschen.“ Und er erinnert daran, dass Weißmann zu diesem Zeitpunkt „längst nicht mehr Generaldirektor des ORF“ war, sondern „nur noch Privatmann“. Das sind Sätze, die hängen bleiben. Weil sie einen wunden Punkt treffen. Journalismus lebt von Aufklärung. Aber er verliert an Glaubwürdigkeit, wenn er die eigenen Grenzen nicht mehr reflektiert.
Ein Möglichmacher für Journalismus ist gegangenMedienanwalt Peter Zöchbauer hat mich über 25 Jahre begleitet. Juristisch. Und als Freund. Das erste Mal intensiv, als Johann Oberauer und ich Michael Dichand interviewten. Dichand warf darin der WAZ – und damit dem Miteigentümer der „Krone“ – massive Gesetzesverstöße vor. Eine klagbare Passage hätte damals den Verlag existenziell treffen können. Zöchbauer hat uns durch diese Geschichte geführt. Präzise. Wachsam. Und mit einem feinen Gespür für das Machbare. Nun sind beide tot. Dichand und Zöchbauer.
In einem späteren Verfahren saßen wir einander wieder gegenüber. Im Gerichtssaal. Ich als Zeuge, er als Anwalt. Der Richter fragte mich nach meinem Geburtsdatum. Zöchbauer blickte von seinen Unterlagen auf und sagte nach der Verhandlung: Wir sind am selben Tag geboren. Von da an wurde unsere Beziehung persönlicher. Er war keiner, der nur Paragrafen kannte. Er dachte Journalismus mit. Oft hat er an Entscheidungen der Gerichte gezweifelt, weil er die Pressefreiheit gefährdet sah. Gleichzeitig war er immer ein Möglichmacher. Keiner, der nur sagte, was nicht geht, sondern einer, der zeigte, wie es gehen kann.
In unserem letzten Telefonat erzählte Peter mir, er arbeite zu viel. Und von seinem Wunsch, „mehr zu leben“. Er hat ihn sich nicht mehr erfüllen können.
Die
„Journalist:in“ erscheint an diesem Mittwoch unter anderem mit den „30 unter 30“ im Journalismus.