Große Ambitionen, prominente Abgänge und ein Redaktionsteam im Umbau: Das crowdfinanzierte „Jetzt“ kämpft mit personellen Turbulenzen. Herausgeber Florian Novak gibt sich dennoch optimistisch.
Wien – Zwei Chefredakteurinnen weg, ein „Board of Editors“ neu installiert und weiterhin die große Hoffnung auf das nächste erfolgreiche Digitalmedium aus Österreich: Bei „Jetzt“ läuft vieles anders als geplant. Dr. Media beobachtet für die aktuelle „Journalist:in“ den turbulenten Aufbau des Projekts – und fragt nach, wie belastbar das Modell hinter dem ambitionierten Onlinemedium tatsächlich ist:
Irgendwie läuft es nicht rund beim Onlinemedium „Jetzt“, das vor allem auf eine Mitgliederfinanzierung setzt. Zunächst war der Start mehr als holprig. Die angestrebte Zahl von 5.000 Abonnenten („Mitgliedern“) gestaltete sich für Gründer und Herausgeber Florian Novak zäher als gedacht und wurde nur durch eine aufwendige Kampagne in den sozialen Medien erreicht.
Noch vor dem Start des Mediums im Herbst und unmittelbar nach der ersten Finanzierungskampagne verließ dann auch noch Chefredakteurin Elisalex Henckel-Donnersmarck das Projekt, was eine erneute Suche nach einer Chefredakteurin bzw. einem Chefredakteur zur Folge hatte. Gefunden wurde diese schließlich in Hatice Akyün aus Deutschland. Aber bereits ein halbes Jahr später ist auch sie nicht mehr Chefredakteurin von „Jetzt“, wie Ende März in einem Newsletter bekanntgegeben wurde. Sie werde zurück nach Berlin ziehen, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben – und mehr Zeit für Artikel, die sie weiterhin für „Jetzt“ schreiben werde.
Statt einer Person an der Spitze der Redaktion soll nun ein Board of Editors etabliert werden. Abgänge gab es bei „Jetzt“ seit der Gründung nicht nur in der Chefredaktion. Auch der ehemalige „Profil“-Chefredakteur Christian Seiler, der als redaktioneller Berater an Bord war, verließ das Medium bald nach Henckel-Donnersmarck.
„Die Zeit ist jetzt reif für ein neues, freies digitales Medium nach internationalem Vorbild“, sagte Novak vor dem Launch von „Jetzt“. Und: „Ich denke, wir werden erfolgreich sein.“ Denkt er das immer noch? Und warum musste er sich gleich im ersten Jahr seines neuen Mediums von zwei Chefredakteurinnen verabschieden?
„Wir verteilen die Verantwortung jetzt auf mehr Schultern. Anstelle einer einzigen Chefredakteurin leitet nun ein Board of Editors die Redaktion“, sagt Novak. „Ich halte das für einen klugen Schritt, eine flache Hierarchie steckt in der DNA von ‚Jetzt‘. Mit Michalis Pantelouris übernimmt einer der erfahrensten Magazinmacher im deutschen Sprachraum mehr Verantwortung. Er verantwortet nun das Herzstück von ‚Jetzt‘, nämlich unsere Longreads, die – spannend erzählt – unsere Mitglieder täglich dabei unterstützen, die Welt eine Spur besser zu verstehen.“
Flankiert wird er im vierköpfigen Board of Editors von Hatice Akyün, die gemeinsam mit dem Team in den ersten sechs Monaten ein wunderbares Fundament für „Jetzt“ gebaut habe und nun leider aus familiären Gründen kurzfristig bei ihrer Familie in Berlin gebraucht werde. „Sie hat uns zugesagt, dass sie von Berlin aus als Autorin verbunden bleibt“, so Novak.
„Für die beiden anderen Kollegen, die schon bisher Mitglied der Chefredaktion waren, ändert sich nichts: Ingo Hasewend koordiniert auch künftig als Managing Editor unseren täglichen Morgenüberblick sowie die ‚B-Seite‘, den täglichen Blick hinter die Schlagzeile des Tages. Die – übrigens erst – 27-jährige Katharina Ressl zeichnet als Mitglied im Board of Editors unverändert für die sehr hohe Qualität der Audiobeiträge verantwortlich.“
Und glaubt er immer noch daran, dass sich „Jetzt“ erfolgreich in der Medienlandschaft Österreich etablieren wird?
„Die kurze, optimistische Antwort: Ja. Die ausführliche: Mit dem Erreichen unseres Ziels von mehr als 5.000 Gründungsmitgliedern im vergangenen Juli haben wir jedenfalls auf einen Schlag mehr Unterstützung, als Addendum und nzz.at je hatten. Ich sage das in großer Wertschätzung für zwei digitale Medien, die ich durchaus vermisse und von denen wir sehr, sehr viel lernen konnten“, sagt Novak.
„Wir wachsen aktuell im zweistelligen Prozentbereich und natürlich sehen wir es auch als große Anerkennung, dass Ö1 bei uns angefragt hat, ob wir inhaltlich kooperieren, und wir nun ausgewählte Beiträge auch dem Kultursender des ORF zur Verfügung stellen. Durch diese Kooperation mit Ö1 erschließen sich uns auch zusätzlich Refinanzierungsquellen.“
Auch ein etabliertes Wiener Theater habe angefragt, ob „Jetzt“ seine Recherchen auf die Bühne bringen wolle, auch diese geplante Zusammenarbeit erfolge nicht unentgeltlich.
Novak: „Sie merken: Als Medien-Start-up gilt es, nicht nur mit Blick auf kreative Ideen für weitere Erlösquellen unverändert agil zu bleiben, auch weil wir natürlich wissen, dass die Antwort auf Ihre Frage nicht bei uns liegt, sondern bei den Mitgliedern.“
Ja, Dr. Media merkt das. Er merkt aber auch, dass der Start ungewöhnlich turbulent erfolgt. Und „Jetzt“ erst beweisen muss, dass es seine Kinderkrankheiten überwunden hat.
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