Die Unternehmen planen aktuell den größten Stellenabbau seit der Corona-Pandemie. Die Hoffnung, dass KI zukünftig einen relevanten Teil der Arbeit erledigen kann, ist dabei ein Faktor. Karrierecoach Attila Albert sagt, wie Medienprofis damit umgehen und sich sogar verbessern können.
Auch in diesem Jahr setzt sich der Stellenabbau in vielen Medienhäusern fort, befördert durch Sparzwänge wegen sinkender Einnahmen bei steigenden Kosten, den generellen Strukturwandel in der Branche sowie den verstärkten Einsatz von KI. Dabei hat speziell KI meist noch gar nicht dazu geführt, dass Aufgaben effizienter oder gar automatisch erledigt werden. Mit Entlassungen wollen die Unternehmen stattdessen Mittel für den Einsatz von KI freisetzen, die zukünftig einen relevanten Teil der Arbeit übernehmen soll. Das ist derzeit auch in der Technologiebranche zu beobachten, die ebenfalls eine Entlassungswelle erlebt.
In Deutschland planen die Unternehmen insgesamt den größten Stellenabbau seit der Corona-Pandemie,
berichtete kürzlich das Ifo-Institut. In diesem Umfeld ist es verständlich, dass viele Berufstätige mit Sorge oder sogar Angst in die Zukunft blicken. „Behalte ich meinen Job?“, „Wie wird es weitergehen?“, „Welche Alternative habe ich?", „Wo läuft es denn noch gut?", sind naheliegende Fragen, mit denen man sich beschäftigen sollte, ohne zu resignieren. Gerade jetzt braucht es überlegtes, geplantes und entschlossenes Handeln. Dann kann die allgemeine Krise zur persönlichen Chance werden.
Damit anfreunden, dass Wechsel normal sind
Noch vor einer Generation war es für Medienprofis erwartbar und vielfach üblich, mehrere Jahrzehnte oder sogar vom Volontariat bis zur Rente bei demselben Arbeitgeber zu bleiben. Von den größeren Unternehmen wurde das durch Treueprogramme auch gezielt gefördert (u.a. Aufstieg mit den Berufsjahren, Geschenke und Prämien zu Dienstjubiläen). Diese Loyalität gibt es heute aus verschiedenen Gründen kaum noch. 50-Jährige haben nicht selten bereits den dritten oder vierten Arbeitgeber. Mit diesem Gedanken muss man sich anfreunden – und auf selbst- wie fremdbestimmte Wechsel vorbereitet sein. Sie bedeuten mehr Unsicherheit, bieten dafür die Chance,
den Berufsweg individueller zu gestalten.
Nicht auf den Wert der Erfahrung bauen
Viele Medienprofis gehen jedoch ab ihrem mittleren Lebensalter weiterhin davon aus, dass ihre Erfahrung für sich bereits einen Wert darstellt. So liest man in LinkedIn-Profilen wie Bewerbungen häufig Formulierungen wie: „Journalist mit über 25 Jahren Berufserfahrung‟. Nur ist das
für Arbeitgeber heute gar nicht mehr wichtig oder aus deren Sicht sogar ein potenzieller Nachteil. Langjährige Mitarbeiter gelten ihnen als teuer und unflexibel, nicht selten auch als inhaltlich und technologisch nicht mehr auf dem neuesten Stand. Auf seine Erfahrung sollte man sich daher nicht verlassen, sie nicht einmal besonders betonen. Stattdessen: Sich ganz auf das konzentrieren, was heute relevant und gefragt ist.
Zeitgemäße Spezialisierung aufbauen
Wer seit mehr als zehn Jahren keine substanzielle Weiterbildung besucht hat und auch immer noch weitgehend dieselbe Tätigkeit wie damals ausübt, hat möglicherweise kein aktuelles Kompetenzprofil mehr. Das fällt einem häufig selbst erst auf, wenn man nach einer neuen Stelle sucht und feststellen muss, dass man anderswo kaum noch Chancen hat. Hier ist
eine zeitgemäße Spezialisierung, also eine klar definierte Nische innerhalb der Branche, die beste Strategie. Weiterbildungen (z. B. auch KI-Zertifizierungen) sollten darauf ausgerichtet sein, also erst entschieden werden, wenn das konkrete Ziel klar ist.
Branchennetzwerk mit relevanten Kontakte pflegen
Interessante Stellen werden fortlaufend ausgeschrieben, auf die sich Bewerbungen lohnen. Aber das genügt für sich allein nicht. Jeder Medienprofi braucht sein persönliches Netzwerk mit relevanten Kontakten, um von aktuellen Entwicklungen in der Branche und in einzelnen Medienhäusern, von kommenden Projekten und Ausschreibungen zu erfahren und sich bei Interesse früh ins Gespräch bringen zu können. Die offizielle Bewerbung ist dann nur noch eine Formsache, weil man mit den entscheidenden Fach- und Führungskräften bereits vorab gesprochen hat. Verwenden Sie daher wenigstens 1-2 Stunden pro Woche dafür, sich mit Medienprofis außerhalb des aktuellen Arbeitgebers auszutauschen.
(Lohnend ist zudem der regelmäßige Besuch von Branchenveranstaltungen wie dem jährlichen
European Publishing Congress, wieder am 17. und 18. Juni 2026 in Wien.)
Nicht vor allem auf „bessere Zeiten“ hoffen
Viele der aktuellen Umbrüche in der Medienbranche und in der Gesamtwirtschaft sind nicht vorübergehend, sondern strukturell (z. B. Rolle und Einfluss der Technologieunternehmen, veränderte Wünsche und Gewohnheiten der Leser bzw. Nutzer). Es wird daher nicht wieder „wie früher“ werden, welche vergangene Zeit man dafür auch ansetzen mag. Auch hier sind Medienprofis im mittleren Alter der Versuchung ausgesetzt, eine Veränderung auf „wieder bessere Zeiten“ verschieben zu wollen. Damit verlieren sie wertvolle Lebensjahre und Chancen anderswo, die Branche bewegt sich ohne sie weiter. Sinnvoller ist es,
gerade jetzt aktiv zu werden und nicht darauf zu setzen, dass sich die Lage von allein verbessert.
Weiteren Berufsweg regelmäßig überdenken
Generell verleitet der berufliche Alltag mit seinen Herausforderungen dazu, sich vor allem damit zu beschäftigen, was gerade anliegt. Beim Gedanken an die Zukunft kommen einem vielleicht manchmal Sorgen, aber diese schiebt man lieber schnell wieder beiseite. Besser ist es, wenigstens einmal jährlich bewusst darüber nachzudenken (z. B. mit einem Mentor, Karriereberater oder Coach): Wie lange kann ich meine aktuelle Tätigkeit wohl noch weiter ausüben, wie geht es meinem Arbeitgeber und was bedeutet das für mich, was wären die Alternativen – und
was will ich eigentlich langfristig? Das nimmt diffuse Sorgen und Ängste auf, lenkt den Fokus aber auf selbstbestimmtes, geplantes Handeln.
Selbst aktiv werden, ehe andere entscheiden
Gerade in unsicheren Zeiten neigen Berufstätige dazu, sich für die vermeintlich sichere Lösung zu entscheiden, also im Zweifel die bisherige Stelle zu behalten, selbst wenn sie klare Nachteile (z. B. stagnierendes Gehalt, sinkende Bedeutung, keine Perspektive) hat. Hilfreich ist das Festhalten am Bestehenden aber langfristig nicht, wenn sich alles andere dynamisch weiterentwickelt. Das häufige Ergebnis ist, dass dann andere – etwa das Management des bisherigen Arbeitgebers – die Entscheidungen treffen. Wer will, dass die eigenen Interessen und Wünsche im Vordergrund stehen werden,
gibt Richtung und Takt für den weiteren Berufsweg selbst vor und macht sich damit unabhängiger von anderen.
Nebenberufliche Selbständigkeit als Plan B
Wer gerade nicht wechseln will oder mit seinen Bewerbungen bisher nicht erfolgreich ist, kann
mit einer nebenberuflichen Selbständigkeit einen interessanten Plan B angehen. Sie erlaubt, neue Tätigkeiten (z. B. als Dozent oder Berater arbeiten, ein Buch schreiben, einen bezahlten Newsletter oder einen Podcast starten) ohne größeres Risiko auszuprobieren und sich etwas dazuzuverdienen. Gleichzeitig bereitet man sich damit gedanklich und praktisch auf einen Wechsel vor, wie der am Ende auch aussehen wird. Das nimmt Existenzängste, weil man eben doch vieles selbst entscheiden und beeinflussen kann, und führt dazu, dass man Veränderungen nicht mehr fürchtet, sondern sich sogar darauf freut.
Zur vergangenen Kolumne: So gelingt das Extra-Einkommen
Zum Autor: Attila Albert (geb. 1972) begleitet Medienprofis bei beruflichen Veränderungen. Er hat mehr als 25 Jahre journalistisch gearbeitet, u.a. bei der Freien Presse, bei Axel Springer und Ringier. Begleitend studierte er BWL, Webentwicklung und absolvierte eine Coaching-Ausbildung in den USA.
www.media-dynamics.org