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News / Sensible Sprache: Themen und Perspektiven
Peter Linden (Foto: APA-Fotoservice/Schedl)
09.09.2026   Journalismus
Sensible Sprache: Themen und Perspektiven
Was Texte schon beeinflusst, bevor sie geschrieben werden, erläutert die „Journalistenwerkstatt“ „Sensible Sprache“.
Früh im 20. Jahrhundert bildeten sich in den Tageszeitungen die heute so vertrauten Ressorts heraus – analog übrigens zur Ausdifferenzierung der Schulfächer. Eine Zeitung bestand fortan aus einem Politikteil, dem Lokalen, der Wirtschaft, einem Feuilleton für die (Hoch-)Kultur sowie einem (Spitzen-)Sport teil. In den 1960er-Jahren kam noch ein Reiseteil hinzu. In derartigen Korsetts müssen sich Themen anpassen oder unterordnen – zuweilen verschwinden sie komplett aus dem Angebot. Auf der anderen Seite bedeutet das Korsett, dass bestimmte Themen zwangsläufig vorkommen müssen – meist aus vorab festgelegten Perspektiven: Nur einmal angenommen, es gäbe ein Ressort „Umwelt und Klima“, dafür aber kein Wirtschaftsressort. Wie würde die Berichterstattung über die Krise in der deutschen Automobilindustrie wohl aussehen? Oder es gäbe ein Ressort „Familie und Kinder“ anstelle des Lokalen. Wie berichtet es sich dann über ein geplantes Neubauviertel? Die Beispiele zielen nicht auf ein Entweder-oder. Sie zielen auf mehr Bewusstsein für die durch starre Ressorts unweigerlich verengten Perspektiven. Wenn „Geschichte“ kein Ressort sein darf, muss ein Text zur Aufarbeitung der Kolonialzeit um jede Zeile im Politikressort kämpfen, weil im Zweifel ein inhaltlich belangloser Staatsbesuch einer Außenministerin bevorzugt wird. Der Blick von der Pyramide Nicht zu schweigen davon, dass wir uns ohnehin mit verengter und festgezurrter Perspektive durch die Welt bewegen. Kaum jemand in Europa ist in der Lage, sich von dem Weltbild zu lösen, welches bereits unsere Landkarten vorgeben: Europa ist immer oben, Europa ist immer in der Mitte und Europa, vor allem dessen Norden, erscheint durch die verzerrte Darstellung immer größer, als es in Wirklichkeit ist. Ebenso festgelegt ist der Pyramidenblick auf die Gesellschaft. Von klein auf lesen wir von „hohem Adel“ und „niedrigem Volk“, und natürlich haben fast alle diesen Blick sprachlich übernommen. Im 19. Jahrhundert waren die Zeitungen voller Sätze wie: „Kein Geringerer als Kaiser Wilhelm selbst wohnte dem Ablegen der Schiffe bei.“ Der Autor dieser Zeilen hätte gewiss Ärger bekommen, hätte er geschrieben: „Als die Matrosen den Anker lifteten, schaute auch Kaiser Wilhelm zu.“ Die Perspektive richtet sich vom Kaiser aus auf sein Schiff und blendet die Matrosen aus. Im anderen Fall würde sie von den Matrosen hinauf zum Quai wandern, wo auch der Kaiser steht. Doch hat sich seither nicht viel geändert, speziell in den Boulevardzeitungen. Als sich etwa der König Schwedens einen 4 moralischen Fehltritt erlaubte, berichtete „Bild“ so: „(…) es wurde bekannt, dass er in den 90ern eine Affäre mit der Sängerin Camilla Henemark (58, ‚Army of Lovers‘) gehabt haben soll …“ Trotz des Bekanntwerdens bleibt der Autor bei einem zurückhaltenden „soll“. Man braucht wenig Fantasie, sich vorzustellen, wie ein ähnlicher Sachverhalt dargestellt wäre, hätte der Seitensprung im „niedrigen Volk“ stattgefunden. Auch der Finanzadel genießt derlei Privilegien. Dieselbe Zeitung huldigte der Familienplanung Elon Musks mit dem Titel: „Raketenpapa. Von drei Frauen hat er 11 Kinder“. Wieder geht es hier explizit nicht um eine generelle Kritik an derartigen Darstellungen. Es geht darum, zu reflektieren, ob wir derlei Perspektiven bewusst wählen oder ob sie sich in unseren Köpfen festgesetzt haben und unreflektiert reproduziert werden. Auch im Alltag geschieht es übrigens häufig, dass Menschen aus Sätzen verschwinden, weil die voreingestellte Perspektive sie nicht erfasst. Wer fragt: „Ist das Paket schon da?“, hat den Paketboten ausgeblendet. Wer sagt: „Die Pizza kommt“, ignoriert die Kellnerin. Der Blick von innen nach außen Die voreingestellte Perspektive beinhaltet neben dem Oben unten-Schema ein zweites, welches zwischen dem Innen und dem Außen unterscheidet.... (Fortsetzung in der „Journalistenwerkstatt“ „Sensible Sprache“)
 
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