Kathrin Gulnerits: „Ob wir uns mit Homeoffice einen Gefallen tun, glaube ich nicht“
Homeoffice ist in vielen Redaktionen längst Alltag. Doch die „News“-Chefredakteurin sieht die Entwicklung kritisch. Sie warnt davor, dass dem Journalismus etwas Entscheidendes verloren geht.
Wien – Seit der Corona-Pandemie hat sich der Arbeitsalltag in Österreichs Redaktionen grundlegend verändert. Viele Journalistinnen und Journalisten arbeiten heute abwechselnd im Newsroom und von zu Hause aus. Redaktionskonferenzen finden hybrid statt, feste Arbeitsplätze werden teilweise abgeschafft. Was für Beschäftigte mehr Flexibilität bedeutet, stellt Chefredakteurinnen und Chefredakteure vor neue organisatorische und journalistische Herausforderungen.
Wie unterschiedlich Österreichs Medien mit dieser Entwicklung umgehen, hat Köksal Baltaci für die
„Journalist:in“ recherchiert. Während manche Redaktionen feste Homeoffice-Tage vereinbart haben, setzen andere weiterhin überwiegend auf Präsenz. Besonders kritisch beurteilt Kathrin Gulnerits, Chefredakteurin von „News“, die Folgen für die journalistische Zusammenarbeit.
„Die besten Geschichten entstehen zwischen Tür und Angel“
Homeoffice-Tage bei „News“ sind nicht streng geregelt. „Vorgaben im Sinne von nur soundsoviele Tage gibt es in meiner Redaktion nicht“, sagt Gulnerits. „Homeoffice findet eher auf Zuruf statt. Mir ist dabei wichtig, dass Homeoffice nicht überhandnimmt. Eine Redaktion lebt vom Austausch. Vom Miteinander. Von ,Hast du kurz zwei Minuten‘. Und ja, viele gute Geschichten entstehen zwischen Tür und Angel.“
In der Praxis sehe es so aus, „dass eine Kollegin, die von weiter weg kommt, immer Donnerstag und Freitag im Homeoffice ist. Eine andere Kollegin geht immer nach der Schlussproduktion am Nachmittag ins Homeoffice und am Freitag. Und einige Trainees fragen individuell an. Andere wiederum setzen das als Selbstverständlichkeit voraus.“ Hauptmotiv sei: in Ruhe arbeiten und Interviews führen. Denn Telefonboxen gibt es bei „News“ nicht. „Es gibt aber auch eine Kollegin, die das mit der Kinderbetreuung verbindet, weil sie sich damit leichter tut. Ab diesem Punkt fängt es für mich an schwierig zu werden. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich bin ja auch Mutter von zwei Kindern. Seinerzeit gab es Homeoffice nicht. Da wurde ganz selbstverständlich getrennt. Heute verschwimmt das.“
Begonnen hat auch bei „News“ alles mit der Pandemie. „Plötzlich gab es Laptops für alle, Zugänge zum Redaktionssystem etc. Damit wurde die Grundlage geschaffen, verstärkt von zu Hause zu arbeiten“, so Gulnerits. Zu Veränderungen im Redaktionsalltag trage aber auch der generelle Sparkurs in Medien bei. „Meine Redaktion sitzt jetzt in einem Großraumbüro – mit allen Begleiterscheinungen. Eben auch viel Frust, was Lärm etc. betrifft. In Folge der Wunsch, mehr im Homeoffice zu arbeiten. Ob wir uns damit einen Gefallen tun, glaube ich nicht. Ob sich diese Entwicklung zurückdrehen lässt, glaube ich aber auch nicht.“
Im Zuge dieser Entwicklung würden sich Journalisten viel von dem wegnehmen, „was uns und unsere Arbeit bisher ausgemacht hat“: Miteinander streiten, diskutieren, austauschen, einen Gedanken des Gegenübers aufgreifen, weiterdrehen. „Mal ehrlich: da kommen die besten Geschichten bei raus. Das fällt weg, wenn der eine in der Redaktion sitzt, der andere zu Hause“, sagt Gulnerits.
Homeoffice werde zudem zu sehr unter den Aspekten „praktisch“, „zeitsparend“, „effizient“ und „Platz sparen“ gesehen. „Das finde ich schade. Weil wenn das alles mal abgeräumt ist, die Schreibtische weg sind, das neue Miteinander gelebt wird, kommt das ja auch nicht wieder.“ Arbeit sei nun einmal mehr, als nur auf Effizienz und Platz sparen reduziert zu werden. „Ich gehe total gern in die Redaktion. Aber schon dieses ,total gern‘ führt ja manchmal schon zu komischen Blicken. Unsere Erzählung von Arbeit muss wieder anders werden. Aber vielleicht habe ich da einen naiven Zugang.“
Früher sei leidenschaftlich diskutiert worden, wie ein Arbeitsplatz aussehen müsse. „Und jetzt ist der Job am Küchentisch auch okay? Auch bei diesem Punkt wird die Diskussion rund um Homeoffice unehrlich geführt. Und mit Blick auf Kinderbetreuung: Welches Signal geht da von uns aus? Job und Kinder zusammen geht easy, weil es Homeoffice möglich macht? Ich halte auch das für unehrlich.“
Wie andere Redaktionen mit Homeoffice umgehen
Für seinen Beitrag in der „Journalist:in“ hat Köksal Baltaci auch mit weiteren Führungskräften und Journalisten gesprochen:
Karin Zauner, „Salzburger Nachrichten“: Ein Homeoffice-Tag pro Woche ist vereinbart. Die Chefredakteurin betont, dass kreative Ideen und größere Geschichten vor allem im direkten Austausch entstehen.
Matthias Winterer, „Falter“: Der Investigativjournalist arbeitet nach eigenen Angaben praktisch nie im Homeoffice. Für große Recherchen brauche er den persönlichen Austausch mit Kollegen.
Marco Witting, „Tiroler Tageszeitung“: Homeoffice spiele in seiner Redaktion kaum eine Rolle. Viele Beschäftigte arbeiteten lieber im Newsroom.
Clemens Oistric, „Heute“: Der Chefredakteur lehnt Homeoffice für die tagesaktuelle Berichterstattung weitgehend ab. Gerade bei Breaking News seien kurze Kommunikationswege entscheidend.
Den vollständigen Beitrag von Köksal Baltaci lesen Sie in der „Journalist“:in.
Weitere Must-Reads in der „Journalist:in“:
– Clemens Pig – Der künftige ORF-Generaldirektor über die „demokratische Mitte“, unabhängige Redaktionen, den Umbau des Senders, den Sparzwang und warum er jetzt gratis arbeitet.
– Eugen Russ – Warum er als Medienmanager des Jahres ausgezeichnet wird, obwohl er den Titel ablehnt.
– Hidden Stars – Wer in Österreichs Medienbranche vor den Vorhang gehört.
– Sprecher des Jahre – Das Erfolgsrezept von Peter Thier und wer sonst noch ausgezeichnet wird.
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